Wo geht's hier zur Party?

Pop. Gleich zwei laute Paraden wird Wien am kommenden Samstag erleben. Doch die ideologischen Ausrichtungen könnten nicht unterschiedlicher sein. Zeit für eine Grundsatzfrage: Wie viel Politik verträgt die Jugendkultur?
Von Sven Gächter
Es gab viele Republiken in der Geschichte der Menschheit. Die römische. Die Weimarer. Die Dominikanische. Sogar die freie virtuelle Republik Tir Na nÒg gibt es. Und nicht zu vergessen natürlich die Zweite. Nur, was hat man sich unter der "Liebesrepublik" vorzustellen? Einen geschützten Hort sündhafter Ausschweifungen, ein utopisches Nirwana frommer Mitmenschlichkeit? Oder vielleicht doch nur eine feuchtfröhliche Freiluftparty, auf der hunderttausende sich einen Tag lang der Illusion hingeben, die beste aller möglichen Welten sei eine ohne Macht, Politik und Ungerechtigkeit?

"Join the Love Republic" heißt das Motto der Love Parade, die am kommenden Samstag zum zweiten Mal über Wien hereinbrechen wird - wenn auch nicht ganz so flächendeckend wie anderswo: 1,5 Millionen Besucher zieht die Mutterveranstaltung in Berlin mittlerweile an. Die Wiener Tochter brachte es voriges Jahr immerhin auf rund 150.000. Eines allerdings hat sie dem Original voraus: Sie wird von den Behörden immer noch als politische Demonstration anerkannt. Dabei sind ihre Ziele ungefähr so politisch wie ein päpstlicher Urbi-et-Orbi-Segen: "Liebe, Toleranz, Respekt und Völkerverständigung."

Am selben Tag, zur selben Zeit wird sich eine zweite Parade durch die Wiener City wälzen. "Free Republic" nennt sie sich und bezieht explizit Position gegen "Rassismus, Sexismus und Sozialabbau", gegen "den Ausverkauf und die Kriminalisierung der Jugendkultur", gegen den Paragrafen 209, gegen "Sperrstunden und Vergnügungssteuer" etc. Veranstaltet wird Free Republic von www.volkstanz.net, einem Kollektiv von Aktivisten, die sich voriges Jahr unter dem Schock der schwarz-blauen Wende formierten und mit den Mitteln der DJ-Kultur zum Widerstand gegen die Bundesregierung aufriefen. Die Volkstanz-Happenings waren das gleichsam partykulturelle Pendant zu den eher konventionellen Donnerstagsdemos, und die Creme der Wiener DJ-Szene fand sich jeden Samstag kostenlos ein, um dem Widerstand zu einem dröhnenden Soundtrack zu verhelfen: "Electronic Resistance", wie es der Titel einer CD-Compilation programmatisch auf den Punkt brachte.

Allerweltsideale

"Wir sind eine Demonstration, die für und nicht gegen etwas ist", stellt Gregor Hushovitz, Organisator der Love Parade in Wien, klar. "Es ist nicht Aufgabe der Love Parade zu sagen: Wir sind gegen diese Regierung!" Vielleicht stimmt das sogar, nur stellt sich dann die Frage, warum die Love Parade so nachdrücklich auf ihren politischen Impact pocht. Liebe, Toleranz, Respekt und Völkerverständigung sind Allerweltsideale, mit denen sich auch die österreichische Bundesregierung ohne Not identifizieren könnte, der anlässlich der Massendemo am 19.2.2000 in Wien nicht viel mehr einfiel als die wohlfeile Verhöhnung "einiger Alt-68er und Internet-Freaks" - eine Abkanzelung, die gerade im Bewusstsein der Rave-Community nicht so rasch verjähren dürfte.
Anstatt ihr politisches Selbstverständnis zu verfeinern, ist die Love Parade seit ihrer historischen Geburtsstunde 1989 in Berlin zu einer Ekstase der Harmlosigkeit denaturiert - einer Party, die nichts anderes fordert, als hier und heute steigen zu dürfen. Deshalb wurde sie in Berlin heuer erstmals nicht mehr als politische Demonstration anerkannt. Bei einer Versammlung müssten die Demonstrationsteilnehmer mit dem gemeinsamen Ziel zusammenkommen, eine bestimmte Meinung zu äußern, befand das Berliner Verwaltungsgericht. Dieses gemeinsame Ziel sei bei der Love Parade nicht erkennbar, der Techno-Umzug auch aus Sicht der meisten Teilnehmer eine reine Spaßveranstaltung. Das hat zwar keine politischen, aber sonst handfeste Auswirkungen für die Love Parade: Die Kosten für die Müllentsorgung - mehrere hunderttausend Mark - müssen nun von den Veranstaltern selbst übernommen werden.

Der Vorwurf, die Love Parade betreibe unter dem Deckmantel, die Jugendkultur zu feiern, letztlich nichts anderes als deren Ausverkauf, ist weder neu noch besonders originell. Pop ist per Definition ein Massenphänomen, und wo sich Massen ballen, bleibt die Industrie nicht lange fern. Mittlerweile agiert sie auch smart genug, die kommerziellen Fesseln nicht so eng zu schnüren, dass den "Party-Partnern" kein Bewegungsspielraum mehr bleibt. Und vielleicht überlegen die sich vor oder nach dem Happening auch, ob sie aus dem System mehr herausholen können als Geld.
Wenn die Love Parade, hartnäckigen Gerüchten zum Trotz, tatsächlich keinen Börsegang plant und stattdessen ihren Anspruch, eine politische Demonstration zu sein, wieder glaubhaft geltend machen möchte, müssen ihre Veranstalter kreativere Strategien aushecken, als jedes Jahr irgendwo auf dem Globus eine neue Filiale zu eröffnen (nach Berlin, Wien, Newcastle, Tel Aviv und Kapstadt nun auch Moskau), und gehaltvollere Ziele formulieren als die alljährliche Minimalvariation des Leitmotivs love, peace & happiness.

Wo sitzt der Außenfeind?

In den höchsten politischen Etagen stiftete die Paradenkultur in Frankreich kürzlich Unruhe. Der sozialistische Innenminister Daniel Vaillant wollte ein Gesetz durchpeitschen, wonach den Veranstaltern polizeilich unerwünschter Raves und Free Partys strenge Geld- und sogar Gefängnisstrafen geblüht hätten. Das Gesetz passierte die Nationalversammlung nicht: Auch Raver sind schließlich Wähler, und Politiker tun gut daran, es sich nicht sinnlos mit ihnen zu verscherzen.

Das Ende der politischen Schonfrist braucht die Wiener Love Parade jedenfalls vorerst nicht zu fürchten, denn von den Idealen Liebe, Toleranz etc. sei man ja wohl noch weit entfernt auf dieser Erde, erklärt die Wiener Vizebürgermeisterin Grete Laska (SPÖ), die sich immer wieder gern als Fürsprecherin der Jugendkultur positioniert. Dass Wien am 7. Juli gleich von zwei Paraden mit erhöhten Dezibelwerten bespielt wird, hält Laska allerdings für wenig sachdienlich. "Ich würde mir sehr wünschen, dass diese beiden Gruppen erkennen, wo der wirkliche Außenfeind sitzt, sich zusammentun, ihre Themen noch deutlicher unterstreichen und das Ganze zu einem Ding werden lassen." Mit Außenfeind meint Laska "ganz konkret die Bundesregierung", der die Paradendublette einen willkommenen Vorwand bieten könnte, den Eindruck zu schüren, die heimische Jugendkultur sei gespalten.

Vielleicht ist sie es ja tatsächlich. Warum sollten die Bruchlinien, die die österreichische Gesellschaft durchziehen, sich nicht bis tief in die Jugendkultur hinein fortsetzen? Der Wiener Paradenclinch steckt sehr anschaulich die Pole einer zeitgenössischen Pop-Skala ab: am einen Ende das zweckfreie Party-Ideal, das sich nicht unnötig mit tagespolitischem Ballast beschweren will; am andern Ende der gute alte Rebellionsgestus, der sich nur mit den Spielformen der modernen Clubkultur neu munitioniert. Und dazwischen der landläufige Opportunismus, der bekanntlich vor keiner Altersschicht Halt macht.

Love-Parade-Organisator Gregor Hushovitz findet es zwar "ganz toll, dass sich Volkstanz ins Love-Parade-Weekend integriert und damit in gewissem Sinn auch unsere Ziele vertritt", doch diese Umarmung lässt man sich auf der andern Seite nicht so ohne weiteres gefallen. "Wir sind keine Gegenveranstaltung, sondern die eigentliche Veranstaltung", erklärt Konrad Becker, Chef der Medienplattform public netbase und Volkstanz-Aktivist der ersten Stunde, selbstbewusst. Becker war 1994 Mitinitiator der Vorläuferveranstaltung der Wiener Love Parade: Die "Free Party" startete 1994 mit explizit jugendkulturellen Anliegen. Damals ging es um die Beseitigung der schikanösen Routinen, mit denen die Wiener Stadtbehörden die aufblühende Rave-Szene lahm zu legen versuchten. Wie die ersten Love Parades in Berlin war auch die Free Party in Wien zunächst ein alternatives Happening; rasch jedoch wurde sie von den kommerziellen Begleiterscheinungen eingeholt, die bislang noch fast jedes halbwegs breitentaugliche Pop-Phänomen imprägniert haben. Dass die Free Party im Vorjahr schließlich endgültig in der Trademark Love Parade aufging, erschien nur folgerichtig: ein lokaler Reflex der Globalisierung.

Dezibel-Duell

Mit Free Republic knüpfen die Volkstanz-Aktivisten wieder an die Anfänge der Free Party an, nicht ohne den Forderungskatalog auszuweiten und auf das politische Klima in Österreich a bzustimmen. 43 Fahrzeuge sind angemeldet, vom Sattelschlepper bis zum Cabrio; insgesamt 60 Initiativen werden mit ihren Soundsystemen den Wiener Ring bedröhnen, in Hörweite sozusagen von den 36 Trucks, die zwischen Praterstern und UNO-City zirkulieren werden. "Ich würde nicht darauf wetten, dass die Love Parade mehr Besucher haben wird als wir", sagt Konrad Becker und rechnet jetzt schon mit der größten Antiregierungskundgebung in diesem Jahr. Gregor Hushovitz von der Love Parade wiederum schließt einen freien "Publikumsflow" zwischen den beiden Partys nicht aus. "Jeder soll machen, was er will." Und jeder ist für seine politischen Überzeugungen selbst verantwortlich.

Auch Innsbruck erlebte vergangenen Samstag die erste "Street Parade/Demonstration". Ihre Motivation begründeten die Veranstalter damit, die Stadt an "internationale urbane Trends" heranführen und "die ideelle Bandbreite und den kreativen Background der Innsbrucker Szene" beleuchten zu wollen. Politisches Verbalgeschütz wurde erst gar nicht aufgefahren, nicht einmal in der Love-Parade-kompatiblen Light-Version von "Friede, Freude, Eierkuchen".

Bald wird jede mittlere europäische Großstadt ihre eigene "urbane" Parade haben, und sie wird sich immer weniger von den Pfadfinder- und Blasmusikaufmärschen unterscheiden, mit welchen die Jugend in früheren Zeiten den Alten fröhlich signalisierte, dass sie keinen Grund hatten, sich Sorgen zu machen.