Ringparade gegen die Rechtswende

"Wir hoffen, dass sich am 7. Juli alle Plattenteller gegen die Wende drehen mögen." Yoyo Tischler, Pressesprecher von volkstanz.net, im Gespräch..

Am kommenden Samstag wird in Wien die Parade am Ring stattfinden. Zu der aus Berlin importierten Loveparade gesellt sich damit heuer ein zweiter Umzug mit Musikbeschallung: die "Free Re:Public". Wer ist das? Was ist das?

Free Re:Public ist die punktförmige Vereinigung von einigen politischen Gruppen, Club-VeranstalterInnen und Initiativen, die bereits in der Vergangenheit sowohl das eine als auch das andere waren, wie z.B. www.volkstanz.net. FRP steht in der Tradition der Free-Party, wie sie bereits 1994 mit sehr großem Zulauf in Wien gefeiert wurde. Die FRP-Parade ist selbst für die verschiedenen Beteiligten nicht dasselbe, sie ist aber für alle ein Zeichen gegen die Wende, wie sie Österreich seit Februar 2000 erlebt. Sie ist der Offbeat* zum Marschrhythmus der Regierung. Sie ist auch die Selbstdarstellung einer Szene und zugleich deren Absage an die Verkommerzialisierung derselben: There's no such business as show business! Sie ist keine reine DJ-Veranstaltung.

Wie haben sich denn die AkteurInnen von "Free Re:Public" zusammengefunden? Ist das eine festes Gruppengefüge, oder können interessierte Leute von außen dazu stoßen? Was ist eigentlich euer Anliegen?

Die Beteiligten sind vor allem AkteurInnen der Wiener Clubszene. "Clubszene" ist zwar ein unscharfer Begriff, der zudem fälschlich glauben macht, es handelte sich hierbei um eine konsistente Gruppe von Menschen, die alle an einem Strang zögen. Trotzdem ist es eine verständliche Kategorie: Menschen, die sich bei aller Unterschiedlichkeit der Lebenssituationen irgendwie auf beats&sounds als kleinsten gemeinsamen Nenner geeinigt haben. Clubpeople sind nicht Menschen in einem Club, sondern Menschen, die so selbstverständlich im Club sind wie in der Arbeit, die vielleicht auch im Club ist ... Und die mit der selben Selbstverständlichkeit eben auch auf der Straße sind: gegen eine rechte Regierung, den Paragraph 209 usw.usf.. Volkstanz hat dieses Phänomen als Soundpolitisierung bezeichnet.

Habt ihr denn irgendwelche Forderungen, und an wen richten die sich?

Die Forderungen gehen von allgemein politischen, wie der nach der Abschaffung der Schubhaft, bis hin zu Forderungen, die unmittelbar mit dem Clubleben zu tun haben wie die Vergnügungssteuer. Die AdressatInnen dieser Forderungen sind eigentlich stets die politischen Verantwortlichen. Die Aufforderung, dass sich am 7. Juli alle Plattenteller gegen die Wende drehen mögen, ist eine an die gesamte Gesellschaft und eine an die "Szene" selbst: Keep your shit correct!

Ich habe mal vor einiger Zeit eine Loveparade in Berlin miterlebt, und die war zwar sehr hetzig, aber auch sehr unpolitisch. Ich hatte den Eindruck, es geht lediglich um geiles Outfit. Wie haltet ihr es mit politischem Engagement?

Die Forderung nach der demokratischen Kontrolle der internationalen Finanzmärkte würde sicherlich nicht von den VeranstalterInnen der Loveparade GMBH erhoben! Wir hoffen auf viel "geiles Outfit" am 7. Juli und auf einen gelungenen Studiengebührenboykott im Herbst! Über 250 DJs haben in den vergangenen 14 Monaten unentgeltlich im Rahmen von volkstanz.net-Veranstaltungen aufgelegt. Das war immer "hetzig", aber nicht "unpolitisch".

Welche Musik macht ihr mit euren Soundmaschinen? Wieder nur solche Machogrölerei? Gibt es eigentlich Frauen, die sich bei euch engagieren? Gibt es zum Beispiel weibliche Djs?

Die Parade wird vom Truck von female pressure angeführt. Das ist ein Zusammenschluss weiblicher DJs, welcher deren Empowerment zum Ziel hat. Das ist nicht repräsentativ für die Szene, es ist aber im doppelten Sinne richtungsweisend.

Am Samstag soll also mit 40 "Kraftfahrzeugen" die größte regierungsfeindliche Demonstration seit dem 19.2.2000 stattfinden - ist das ein Zeichen für die Politisierung der "Clubszene"?

Das kann ich uneingeschränkt bejahen. Die verschiedenen TeilnehmerInnen an der Parade mögen nicht alle gleichermaßen in herkömmlichen politischen Feldern aktiv sein. Sie aber für die Parade an einen Tisch zu bringen, war kein Problem. Sie sind allesamt politisch aktivierbar. Wie auch am 19.2.2000 wird es nicht zu einer Manifestation von zig-Tausend geschulten RegimekritikerInnen kommen. Die Organisation und die Beiträge (sowohl in der Vorbereitung als auch mit den Soundsystemen) stehen aber bereits auf einem wesentlich breiterenpolitischen Fundament als die Demo damals.

Seht ihr euch in internationaler Vernetzung mit anderen Widerstandsprojekten?

Reclaim The Streets ist eine Bewegung, die für volkstanz.net internationaler Bezug ist. Female Pressure agiert sowieso international. Die Noborder-Tour nimmt an der Parade teil. Insofern gibt es internationale Vernetzungen. Die Parade selbst ist nicht Teil eines internationalen Projektes.

Danke für das Interview.

Interview: Bärbel Danneberg
Infos: www.volkstanz.net
* Alle Abweichungen von der regelmäßigen Schlagzeit (Beat); gegen den rhythmischen Grundschlag gesetzte freie Betonung (engl., eigtl. "außerhalb des Schlages, weg vom Schlag").